Zerrissen in der Trauer
- Manu

- 1. Jan. 2026
- 3 Min. Lesezeit
Schmerz trifft Freude trifft Schuldgefühl. Zwischen Tränen und Lichtblicken fragen sich Trauernde oft, ob sie richtig trauern. Das schlechte Gewissen wird laut, wenn inmitten der tiefsten Trauer plötzlich wieder ein Moment der Freude aufblitzt. Darf ich lachen, während meine Welt noch in Scherben liegt? Von der quälenden Zerrissenheit zwischen Schmerz und Schuldgefühl und der befreienden Erkenntnis, dass Selbstfürsorge kein Verrat an der Liebe ist.

Die Zerrissenheit einer trauernden Person
Kurz nachdem ich vom Tod meines Vatis erfuhr, war ich emotional taub. Da waren Schmerz und eine unsagbare Schwere, aber sonst ... nichts. Ich war wie in Watte gepackt, abgespalten von meiner Umwelt, aber auch von mir selbst, innerlich zerrissen, alles passierte zeitverzögert und superlangsam: Bewegung, Gedanken, Verstehen. Die Welt um mich herum drehte sich weiter. Und ich stand teilnahmslos in der Mitte, und mir konnte es nicht gleichgültiger sein.
Zum Schmerz gesellten sich Traurigkeit, Sehnsucht, Wut, Ängste, Hilflosigkeit, Einsamkeit. Ein wildes Gefühlschaos, das ich so früh in meiner Trauer nicht hätte benennen können. Wo endete das eine Gefühl und wo fing das andere Gefühl an? War mir auch irgendwie egal. Ich fühlte mich dem ausgeliefert und ließ es über mich ergehen. Am besten ging das, wenn ich nicht funktionieren musste. Hinlegen, weinen, einschlafen, dem Wahnsinn entfliehen. So verliefen die ersten Wochen.
Als ich dann immer mal wieder unter meiner Decke hervorkroch, ertappte ich mich dabei, dass ich auch wieder Freude empfand: ein Treffen mit einem lieben Menschen, ein Moment, in dem ich lachte. Oft nur ein kleiner Funke, aber spürbar. Und fast zeitgleich dieser Stich im Herzen: mein schlechtes Gewissen meldet sich.
Ich: „Wann darf ich wieder lachen?“
Auch ich: „Du darfst lachen, wenn dir danach ist!“
Ich: „Es fühlt sich aber falsch an. Ich trauere doch und oft muss ich weinen. Jetzt lache ich plötzlich. Das passt nicht zusammen.“
Auch ich: „Gefühle sind nicht falsch. Das eine geht, das andere kommt. Sie verschwimmen ineinander und der schnelle Wechsel von einem starken Gefühl zu einem anderen kann verwirren und ist anstrengend. Ist ganz natürlich. Du bist nicht falsch und du trauerst genau so richtig, wie du trauerst. Und auch Freude darf ihren Platz haben.“
Ich hatte Schuldgefühle. Als müsste ich leiden, um meine Liebe zu beweisen. Als dürfte Selbstfürsorge keinen Platz haben, solange die Trauer da ist. Als würde ich vergessen, wenn ich nicht weine. Als würde ich dem Job einer Trauernden nicht gerecht werden und mein Verhalten nicht angemessen sein. Die Zerrissenheit einer trauernden Person.
Ich nehme mich in den Arm
Heute zeige ich meinem schlechten Gewissen von damals den Mittelfinger.
Ja, du hast richtig gelesen!
Trauer ist kein linearer Prozess, den ich fehlerfrei abarbeiten kann. Trauern ist kein Job. Es gibt kein Handbuch, das vorschreibt, wie lange meine Tränen fließen müssen, bevor ich wieder lächeln darf. Diese kleinen Momente der Leichtigkeit sind kein Verrat an der Liebe zu meinem Vati, sondern lebensnotwendige Atempausen für meine Seele. Sie geben mir die Kraft, die nächste Trauerwelle zu überstehen.
Könnte ich zurückgehen, würde ich meinem damaligen Ich genau das ans Herz legen: Du darfst dir eine Atempause schenken. Du darfst liebevoll zu dir sein und freudige Momente genießen. Du darfst im nächsten Augenblick tieftraurig sein und weinen. Du darfst wütend sein, weil es eine Zukunft, wie du sie dir erträumst hast, nicht geben wird. Du darfst Angst haben. Du darfst dir Hilfe suchen oder den Weg allein gehen. Du darfst langsam gehen, stehenbleiben, zurückschauen und auch mal rennen.
Ich nehme mein damaliges Ich gedanklich in den Arm, tröste es, drücke einen liebevollen Kuss auf die Stirn und bin einfach nur da, höre zu, reiche Taschentücher. Wir sind zusammen wütend, lachen zusammen, schreien zusammen, träumen zusammen neue Träume.







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