• Manu

Du und ich – und meine Trauer vor deinem Tod

Im Mai 2017 starb mein Vati. Schon die Jahre vor seinem Tod hatten wir uns voneinander entfernt. Unsere Vater-Tochter-Beziehung war kaputt. Zu dieser Zeit begann meine Trauer um meinen Vati und um die verlorene Beziehung. Was bleibt, sind unbeantwortete Fragen.


Vater hält Tochter auf dem Arm
Vater-Tochter-Beziehung

Du und ich

Weißt du noch, wie ich als kleines Kind auf deinem Fuß saß, mich an deinem Bein festklammerte und so von einem Raum zum anderen kam? Weißt du noch, wie du mich am Rückenteil meiner Latzhose nach oben hobst und mich fliegen ließest? Wir nannten es Maikäfer. Es kribbelte in meinem Bauch. Ich liebte es. Wie ging es dir wohl dabei?

Als ich älter wurde, ging ich dir mit meinen Neckereien immer mal wieder auf den Keks, was? Ein Anstupsen hier, ein Scherz da. Aber wie sollte es auch anders sein: Ich hatte es ja von dir gelernt und musste da auch hin und wieder durch. 😊

Wie oft halfst du mir in der Wohnung, wenn meine Handwerkskünste nicht ausreichten? Weißt du noch, wie du dich über mich amüsiertest, als ich versuchte die Zimmerdecke zu streichen? Wie oft brauchte ich deine Hilfe, wenn das Moped nicht lief, am Auto etwas kaputt war? Ich genoss diese Momente. Wir hatten eine gemeinsame Aufgabe. Ich sah dir zu, saugte jeden Handgriff auf. Wie ging es dir in den Momenten?


Wir waren uns in vielen Dingen ähnlich und in vielen auch wieder nicht. Wir lachten miteinander und hatten Spaß – wir stritten und machten uns gegenseitig das Leben schwer. In unseren letzten gemeinsamen Jahren in dieser Welt waren wir unnachgiebig und verletzend zueinander.


Es war kompliziert


Wir fanden keinen gemeinsamen Nennen mehr. Ich bekam nicht das, was ich mir von dir wünschte. Du bekamst nicht das, was du dir von mir wünschtest. Kannst du dich noch an unser letztes Telefonat erinnern? Es war mein Geburtstag. Es lag von Anfang an eine Spannung in der Luft, die sich im Laufe des Gesprächs entlud. Ein Wort ergab das andere. Wir bestanden wieder einmal vehement auf unseren unterschiedlichen Standpunkten. An deinen letzten Satz kann ich mich nur noch sinngemäß erinnern. Meine letzten Worte sind wie eingebrannt. Wie es dir wohl dabei ging?

Am nächsten Tag sahen wir uns das letzte Mal. Flüchtig trafen sich unsere Blicke in der Friedhofskapelle unserer Heimatstadt. Wir waren auf einer Trauerfeier. Als ich nach draußen kam, warst du schon weg. Anderthalb Jahre später sollte ich dich genau dort auf deinem letzten Weg begleiten.


Selbstschutz aktiviert


Wir sind nie wieder aufeinander zugegangen. Was ging wohl in dir vor? Hast du dich gefragt, was in mir vorging? Mir tat unser letztes Gespräch so unsagbar weh. Ich war sauer auf dich! Sehr sogar! Und ich war sauer auf mich! Wieso konnte ich nicht ruhig bleiben? Das Gespräch beenden und es an einem anderen Tag erneut aufnehmen? Eine ganze Weile noch stellte ich mir die Frage, wie ich unsere Beziehung kitten könnte, was ich sagen oder tun könnte.


Meine Trauer um dich um uns

Ich drehte mich im Kreis und sah keinen Weg. Stattdessen war da nur Schmerz. Heute weiß ich, dass es Trauer war. Ich hatte dich – uns – verloren. Es tat mir mehr weh, in dieser unerträglichen Situation zu verharren, als den Kontakt zu dir abzubrechen. Ich war verletzt, fühlte mich hilflos, war verzweifelt und traurig. Ich musste mich selbst schützen, einen Schritt zurücktreten, Abstand gewinnen, um meine Gedanken zu sortieren.


Ich fragte mich, wie ich damit leben würde, sollten wir uns nie aussprechen, uns nie mehr wiedersehen. Die Antwort darauf machte mir Angst.

Meine Tür war nie fest verschlossen. In mir drin war die Hoffnung, dass wir wieder zueinanderfinden, diese schmerzhafte Zeit auflösen, noch einmal in Frieden durchstarten.


Wir begegnen uns in meinen Träumen


Ich träume oft von dir. Kurz nach deinem Tod war das noch nicht so. Aber irgendwann tauchtest du auf. Dafür bin ich jedes Mal dankbar und freue mich, wenn es passiert. Wenn wir uns im Traum treffen, ist das immer angenehm, wir streiten nicht.


Einen Traum werde ich nie vergessen. Seitdem ist zwischen uns alles okay, wir haben unseren Frieden geschlossen. Davon bin ich überzeugt. In diesem Traum fielen wir uns in die Arme und weinten beide. Ich hatte dich zu Lebzeiten nie weinen sehen. Tränen in den Augen – ja. Weinen – nein.


Wenn wir uns wiedersehen


Über vier Jahre bist du nun nicht mehr in dieser Welt. Ich denke sehr oft an dich, sende dir ein Lächeln, oft fließen dabei Tränen, ich necke dich in Gedanken. Ich bin davon überzeugt, dass auch du Frieden geschlossen hast. Weißt du noch, unsere Begegnung in meinem Traum? Manchmal stelle ich mir vor, dass wir uns dort wirklich getroffen haben. In einer Art Zwischenwelt. Hey, wer weiß das schon!


Eines Tages sehen wir uns wieder. Du holst mich ab, wenn ich nachkomme. Dann zeigst du mir alles, ich berichte dir von meinem Leben und wir essen zusammen heißen Pudding – so wie früher.

Als SeelenSport®-Trainerin unterstütze ich Trauernde in und um Berlin sowie online.


Die Trainingsangebote findest du unter

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