• Manu

An manchen Tagen habe ich ein Date mit meiner Trauer

Trauer verschwindet nie ganz. Sie wird schwächer, tritt auch mal für längere Zeit in den Hintergrund, sodass du sie kaum oder gar nicht spürst. Und dann gibt es Tage, an denen sich die Trauer lautstark meldet. An diesen Tagen fordert sie deine Aufmerksamkeit, beansprucht ihren Raum, möchte sich zeigen und rausgelassen werden. An diesen Tagen ist es Zeit für ein Date mit der Trauer.


Zeigefinger liegt auf den Lippen
Date mit der Trauer

Die Trauer bleibt Teil des Lebens.


Wie sollte es auch anders sein? Du trauerst, weil du liebst. Verlierst du einen geliebten Menschen, endet deine Liebe nicht mit dessen Tod. Und so hält auch deine Trauer um den Menschen dein Leben lang an. Wie ausgeprägt die Trauer ist, wie lange und wie tief sie dich bewegt, ist deine persönliche Erfahrung. Trauer ist individuell und folgt keinem Muster.


Gegen meine Trauer um meinen Vati habe ich mich lange gewehrt – aus Angst vor meinen Gefühlen und um den Schmerz zu unterdrücken. Das gelingt mir auch für eine kurze Zeit mehr schlecht als recht ... bis mir die Puste ausgeht. Ich fange an zu verstehen, dass ich mir und meiner Trauer den nötigen Raum und die nötige Zeit geben muss, um zu heilen. Die Trauer annehmen und sie zu einem Teil meines Lebens machen. Ohne Abkürzung durch den Schmerz durch.


Puh, ein langer Weg liegt vor mir und ich zweifle oft, ob ich es schaffe. Aber es gelingt mir! Mit der Zeit zieht sich meine Trauer zurück. Sie zeigt sich weniger häufig, wenn auch manchmal noch so schmerzhaft wie am ersten Tag. Ich kann mich wieder über die kleinen Dinge freuen, fühle mich leichter und schaue zuversichtlich nach vorn. Nach und nach findet die Trauer um meinen Vati neben all meinen anderen Gefühlen ihren Platz. Dort verhält sie sich mal ganz still, mal rauscht sie ein wenig vor sich hin und manchmal poltert sie unüberhörbar.


„Hallo! Ich bin auch noch da!“, meldet sich die Trauer.


Als ich vor Kurzem die Straße entlang gehe, überhole ich einen Mann in Arbeitskleidung, wie sie auf Baustellen üblich ist. Die Kleidung ist leicht verstaubt, hat ein paar Ölflecken. Ich laufe an ihm vorbei und nehme für einen kurzen Moment seinen Geruch wahr. Er erinnert mich an meinen Vati. Er war Dachdeckermeister. Er hatte genau diesen Geruch an sich, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. So viele Jahre ist es her, dass ich den Geruch zuletzt in der Nase hatte. Sofort habe ich Bilder von meinem Vati im Kopf und Tränen steigen in mir auf.


Hallo, Trauer!


Ein Geruch, ein Lied, ein Bild, Worte, eine Situation, ein Gesicht auf der Straße, das Ähnlichkeit mit dem geliebten Menschen hat … du kennst das bestimmt. Es gibt individuelle Auslöser, die die Trauer auf den Plan rufen. Unverhofft und unvermittelt.


An diesen Tagen lade ich meine Trauer auf ein Date mit mir ein.


Inzwischen haben meine Trauer und ich das ganz gut miteinander geregelt: Sie weiß, dass sie ihre Zeit von mir bekommt. Ich bestimme aber, wann diese Zeit ist.


Der Geruch von dem Mann auf der Straße bleibt noch eine Weile in meiner Nase, die Erinnerung an meinen Vati ist lebhaft und die Sehnsucht sticht schmerzhaft in meiner Brust. Ein paar Wege muss ich noch erledigen, dann gehe ich nach Hause.


Dort angekommen ziehe ich mir bequeme Kleidung an, mache mir einen Tee, schnappe mir ein Packung Taschentücher und meine Kuscheldecke, mein Fotoalbum aus meiner Kindheit, stelle mein Handy auf lautlos, schließe Fenster und Türen, kuschle mich auf meine Couch, mache das Lied an, das zu seiner Abschiednahme gespielt wurde und gebe mich meiner Trauer hin.


Ich tauche in Erinnerungen mit meinem Vati ein. Ich muss lachen, ich muss weinen. Ich durchlebe unsere schönen Zeiten, genieße die Nähe, die ich gerade jetzt zu ihm spüre.


In diesen Momenten gibt es nur meine Trauer und mich, nichts und niemand stört uns, nichts lenkt ab. Ich gebe meiner Trauer Raum und Zeit, lasse mich auf sie ein, lasse mich treiben und meine Gefühle fließen.


Nach dem Date fühle ich mich befreit, ausgeglichen, gelöst, aber auch erschöpft.


Probiere es aus! Hier kommen meine Tipps für ein gelungenes Date mit deiner Trauer:


Stelle sicher, dass du nicht gestört werden kannst:

  • Schalte dein Handy in den Flugmodus.

  • Stelle die Türklingel ab.

  • Hänge ein „Bitte nicht stören“-Schild an die Zimmertür.

  • Schließe die Fenster, um störende Geräusche auszuschließen.


Mache es dir gemütlich:

  • Schlüpfe in deine bequemsten Sachen.

  • Koche dir deinen Lieblingstee.

  • Schnapp dir deine Kuscheldecke, dein Lieblingskissen.

  • Gehe an den Ort in deiner Wohnung/in deinem Haus/in deinem Garten, an dem du dich am wohlsten fühlst.


Was du sonst noch brauchst:

  • Erinnerungen an deinen geliebten Menschen: Fotos Videos Briefe Text-, Sprachnachrichten Kleidungsstück Vielleicht sind es auch einfach deine Gedanken an die gemeinsame Zeit

  • Eine (Duft-)Kerze, Räucherstäbchen

  • Taschentücher

  • Zettel und Stift, falls du etwas aufschreiben oder zeichnen möchtest

  • Ein Kissen, falls du wütend wirst und deine Wut rausboxen möchtest

  • … alles ist möglich, alles ist erlaubt … probiere dich aus!


Dein Date steht: Und was passiert nun?


Setze dich bequem hin und lege alles um dich, was du für dein Date brauchst. Nun begrüße deine Trauer und lasse sie da sein. Vielleicht hilft dir zur Einstimmung eine Trauermeditation, vielleicht beginnst du mit den Fotos aus deiner Kindheit oder hörst das Lieblingslied deines verstorbenen Menschen. Spüre die Verbindung zu deiner Trauer, zu dem Menschen, zu dir, und lasse dich treiben.


  • Wenn du weinen musst: Lasse deine Tränen fließen. Trockne sie nicht gleich ab. Spüre, wie sich deine Tränen anfühlen.

  • Wenn du wütend bist: Boxe deine Wut in das Kissen. Schreie, brülle deine Wut heraus. Sprich aus, was dich wütend macht.

  • Wenn du die Augen schließen möchtest, tue genau das.

  • Wenn du die Wand anstarren möchtest, tue genau das.

  • Wenn du dich unwohl fühlst, gehe aus der Situation heraus und suche dir eine alltägliche Beschäftigung (Geschirrspülen, Waschmaschine beladen, Staubwischen, …).

  • Wie dein Date auch verläuft, versuche ruhig und gleichmäßig zu atmen.

  • Sei dir gewiss: Kein Gefühl bleibt ewig. Du hältst den Schmerz, die Traurigkeit, die Wut für den Moment aus.


Trauer lässt sich nicht zwischen zwei Termine quetschen. Sie kommt auch nicht auf Knopfdruck. Setze dich nicht unter Druck, wenn das erste Date in die Hose geht.


Deine Trauer begleitet dich dein Leben lang. Du hast also viel Zeit, um sie kennenzulernen. Sei geduldig mit dir und deiner Trauer. Spüre genau hin, wie sie sich dir zeigt und wie sie sich für dich anfühlt. So heilst du jedes Mal ein Stück mehr.

Willst du deiner Trauer Raum und Zeit geben? Im SeelenSport®-Training zeige ich dir Übungen für den Umgang mit deinen Trauergefühlen.



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